Donnerstag, 28. März 2013

10-Liter-Flaschenpost



Hallo, du.

Nein, nicht du, der auf meine penetrante Schleichwerbung für diesen Gedankenflohmarkt reingefallen ist.
Auch nicht du, die bei der Google-Suche mit dem Suchbegriff „Inkontinenz“ auf falsche Pfade geleitet wurde. Wobei ich nicht glaube, dass mein Blog auch nur in diesem Maße suchmaschinenoptimiert ist. Menschen, die genug Langeweile haben, dies hier zu lesen, werden sicher auch gelangweilt genug sein, die Google-Suche mit dem unappetitlichen Stichwort gleich mal nachzuprüfen. Na, wer mag es für mich testen?

Egal wer – du nicht. Ja, genau dich meine ich! Du liest brav hier weiter. Tust du ohnehin, stimmt’s?

Narzissmus beiseite, ich kenne dich nur gut genug,  um frech zu behaupten: Du verschlingst alles von mir, was du kriegen kannst. Alles, was auf einem anderen Medium verfügbar ist als den oftmals falsch verdrahteten Neuronen meiner grauen Masse.
An dieser Stelle eine ernst gemeinte Frage: Wie findest du mich bloß?

Versteh mich nicht falsch, ich freue mich immer über Sätze von dir wie „Toller Blogeintrag, sehr witzig!“ oder „Die Fotos sehen künstlerisch aus“. Oh, der offene Mund und die runden Augen? Ein Ausdruck meins Jubels. Und das Zusammenzucken war nur eine angedeutete Verbeugung vor deinem Recherchetalent.
Chapeau! Dein mystischer Spürsinn ist mit guten Internetkenntnissen kaum mehr zu erklären. Sei es Bildmaterial, Texte oder auch nur Gedankenflatulenzen aus 140 Zeichen: Über mein Schaffen weißt du beinahe besser Bescheid als ich. Und über mein Leben auch – gut, da hat man ja nicht einmal einen Nickname.

So verrate mir doch deine Quellen!

Komm schon, enttäusche mich nicht. Kein elegantes Schweigen, keine Ablenkungsmanöver. Du machst große Fortschritte, was Ehrlichkeit mir gegenüber angeht – doch meist nur bei allgemein bekannten Sachen. Bist du auch so weit, meine Neugierde zu stillen?

Vertrau mir. Es ist keine Fangfrage, die pubertäres Gezeter über Kontrolle, Paranoia oder Privatsphäre nach sich zieht. Wozu? Die Privatsphäre habe ich freiwillig beim Schlüpfen ins Kaninchenloch mit den Lettern „WWW“ abgestreift – mea culpa.
Ich unterstelle dir keine bösen Absichten. Im Gegenteil! Ich glaube daran, dass du möglichst viel über mich erfahren willst, weil du dich für mich interessierst.

Du bist auf dem Standpunkt angekommen, nicht mehr nach der kleinen Regina schauen zu müssen, dass sie da draußen in der großen weiten Welt ja keine Scheiße baut. Du forschst nicht mehr nach Toten, Verletzten, Schweinekram und Heroinbesteck, sondern stöberst nach Neuigkeiten. Ja?  Bitte sag mir, dass du so denkst. Sag es mir, wenn du es wirklich so meinst.
Wenn nicht, dann sag mir wenigstens, was fehlt. Was ich noch tun kann. Wie ich dir helfen kann, an mich zu glauben.

Meine Fresse, was für ein Monolog. Nimm’s mir nicht krumm, sieh es als Übung für meinen heimlichen Traumberuf: Demagoge. Wobei, ich fürchte, die Welt ist noch nicht reif für eine 1,50 große weibliche Demagogin mit Piepsestimme. Muss ich wohl meinen Karrierewunsch etwas entschärfen – zum Comedian oder einfach nur jemand, dem die Leute freiwillig zuhören und vielleicht sogar für sein Gelaber zahlen.

Und mit dir brechen dann die letzten Dämme meines Wortflusses. Jedes Mal quatsche ich dich voll, schwadroniere, rede mich um Kopf und Kragen. Weil ich dir so viel zu erzählen habe. Weil ich nervös bin. Weil ich Angst habe, etwas Falsches zu sagen. Und last but not least: Weil ich es liebe, mit dir zu reden. Über Bücher, Filme, Schauspieler, Politik, Psychologie, den neusten Klatsch und Tratsch.
Ich genieße es, wenn unsere Worte und Gedanken in einem merkwürdig aufeinander abgestimmten Rhythmus Haken schlagen, sich verflechten, abbrechen und einen Quantensprung später doch zusammenfinden. Wie wir uns ins Wort fallen, vom Hundertsten ins Tausendste kommen, das Eine hören, das Andere sagen und das Dritte denken. Kreatives Chaos.

Apropos kreativ, mich quält neben den bereits gestellten Fragen eine weitere. Was denkst du über all das hier? Ich habe die Vorahnung, du wirst diesen Blogeintrag in erster Linie wie ein Stück kreativen Schreibens lesen, mit Lektorenblick. Den Satzfluss begutachten, über Längen stolpern, kopfschüttelnd den Pathos von den Zeilen klopfen. Aber bitte (und das ist vielleicht sogar die zweitgrößte Bitte in diesen Pamphlet): Vergiss darüber hinaus nicht, was ich dir zu sagen versuche. Und habe ein wenig Rücksicht – ich weiß selber nicht, was ich da tue und warum.

Während ich das hier schreibe, tränen meine Augen, aber mal nicht vom Zigarettenraum. Ich hoffe, deine Augen bleiben trocken. Sonst habe ich meine Absicht verfehlt. Was nützen einem Möchtegern-Demagogen schon weinende Zuhörer?

Weißt du, was meine schlimmste Befürchtung ist? Dass dir beim Lesen meiner Ausführugnen jener merkwürdige Brief eines Bekannten in den Sinn kommt, über den wir uns damals so amüsiert haben. Den Bekannten, den wir aufgrund eben dieses sinnlosen Briefs für verrückt erklärt haben. Vielleicht ist mein Geschreibsel nicht minder geblähter Unfug als seiner. Aber ich bin doch nicht verrückt, oder? Oder wenn, dann wenigstens nicht auf eine abstoßende Weise, sondern auf eine, die in mein Motto passt: „Selig sind die mit einem Sprung in der Schüssel, den er lässt Licht hindurch.“ Ja?

Das größte Kompliment von deiner Seite war für mich immer gewesen: „Du bist ein seltsamer Mensch.“ Mag sein, dass es von dir nicht als Lob gemeint war; Lob klingt anders. Dennoch habe ich mich sehr darüber gefreut.

Ja, was wollte ich dir eigentlich sagen? Faden verloren. Mist, ich hoffte, es wäre auf dieser mir vertrauten Form einfacher, dir das mitzuteilen. Wenn du meinen Stil bemängelst, hast du Recht. Ich rede soviel um den heißen Brei, weil es für das, was ich dir sagen möchte, keine Worte gibt. Die Absicht, mich verständlich zu machen, hab ich ohnehin längst verfehlt. Selbstdarstellung kannst du mir auch nicht wirklich vorwerfen – jeder weniger ergebene Leser ist spätestens am Ende des dritten Absatzes abgesprungen.

Ah, ich hab’s wieder! Zwei Sachen. Ich fasse mich kurz.

Ich hab dich lieb.
Bitte glaub an mich.

P.S. für die, die nicht du sind und aus unerfindlichen Gründen der Google-Skylla entronnen sind, um weiterzulesen: Pech gehabt, dieser Brief war nicht für euch. Es bringt auch nichts, mich zu fragen, für wen. Aber als kleine Entlohnung dürft ihr ein wenig rätseln, was das hier soll. Eine verschlüsselte Botschaft? Eine Verschwörung? Paranoides Gefasel einer armen Seele, die aus der Umarmung der Zwangsjacke bis zur Tastatur geflüchtet ist? Ich bin gespannt.

P.S.S. noch einmal zu dir: Was meinst du? Wenigstens ein Gnadenpunkt für kreative Umsetzung? Ich bin auch ganz lieb und kürze meine Schachtelsätze.
  

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