Hallo, du.
Nein, nicht du, der auf meine penetrante Schleichwerbung für
diesen Gedankenflohmarkt reingefallen ist.
Auch nicht du, die bei der Google-Suche mit dem Suchbegriff „Inkontinenz“
auf falsche Pfade geleitet wurde. Wobei ich nicht glaube, dass mein Blog auch
nur in diesem Maße suchmaschinenoptimiert ist. Menschen, die genug Langeweile
haben, dies hier zu lesen, werden sicher auch gelangweilt genug sein, die
Google-Suche mit dem unappetitlichen Stichwort gleich mal nachzuprüfen. Na, wer
mag es für mich testen?
Egal wer – du nicht. Ja, genau dich meine ich! Du liest brav hier
weiter. Tust du ohnehin, stimmt’s?
Narzissmus beiseite, ich kenne dich nur gut genug, um frech zu behaupten: Du verschlingst alles
von mir, was du kriegen kannst. Alles, was auf einem anderen Medium verfügbar
ist als den oftmals falsch verdrahteten Neuronen meiner grauen Masse.
An dieser Stelle eine ernst gemeinte Frage: Wie findest du
mich bloß?
Versteh mich nicht falsch, ich freue mich immer über Sätze
von dir wie „Toller Blogeintrag, sehr witzig!“ oder „Die Fotos sehen
künstlerisch aus“. Oh, der offene Mund und die runden Augen? Ein Ausdruck meins
Jubels. Und das Zusammenzucken war nur eine angedeutete Verbeugung vor deinem
Recherchetalent.
Chapeau! Dein mystischer Spürsinn ist mit guten
Internetkenntnissen kaum mehr zu erklären. Sei es Bildmaterial, Texte oder auch
nur Gedankenflatulenzen aus 140 Zeichen: Über mein Schaffen weißt du beinahe
besser Bescheid als ich. Und über mein Leben auch – gut, da hat man ja nicht
einmal einen Nickname.
So verrate mir doch deine Quellen!
Komm schon, enttäusche mich nicht. Kein elegantes Schweigen,
keine Ablenkungsmanöver. Du machst große Fortschritte, was Ehrlichkeit mir
gegenüber angeht – doch meist nur bei allgemein bekannten Sachen. Bist du auch
so weit, meine Neugierde zu stillen?
Vertrau mir. Es ist keine Fangfrage, die pubertäres Gezeter über
Kontrolle, Paranoia oder Privatsphäre nach sich zieht. Wozu? Die Privatsphäre habe
ich freiwillig beim Schlüpfen ins Kaninchenloch mit den Lettern „WWW“ abgestreift
– mea culpa.
Ich unterstelle dir keine bösen Absichten. Im Gegenteil! Ich
glaube daran, dass du möglichst viel über mich erfahren willst, weil du dich
für mich interessierst.
Du bist auf dem Standpunkt angekommen, nicht mehr nach der
kleinen Regina schauen zu müssen, dass sie da draußen in der großen weiten Welt
ja keine Scheiße baut. Du forschst nicht mehr nach Toten, Verletzten,
Schweinekram und Heroinbesteck, sondern stöberst nach Neuigkeiten. Ja? Bitte sag mir, dass du so denkst. Sag es mir,
wenn du es wirklich so meinst.
Wenn nicht, dann sag mir wenigstens, was fehlt. Was ich noch
tun kann. Wie ich dir helfen kann, an mich zu glauben.
Meine Fresse, was für ein Monolog. Nimm’s mir nicht krumm,
sieh es als Übung für meinen heimlichen Traumberuf: Demagoge. Wobei, ich
fürchte, die Welt ist noch nicht reif für eine 1,50 große weibliche Demagogin
mit Piepsestimme. Muss ich wohl meinen Karrierewunsch etwas entschärfen – zum
Comedian oder einfach nur jemand, dem die Leute freiwillig zuhören und
vielleicht sogar für sein Gelaber zahlen.
Und mit dir brechen dann die letzten Dämme meines Wortflusses.
Jedes Mal quatsche ich dich voll, schwadroniere, rede mich um Kopf und Kragen.
Weil ich dir so viel zu erzählen habe. Weil ich nervös bin. Weil ich Angst
habe, etwas Falsches zu sagen. Und last but not least: Weil ich es liebe, mit
dir zu reden. Über Bücher, Filme, Schauspieler, Politik, Psychologie, den
neusten Klatsch und Tratsch.
Ich genieße es, wenn unsere Worte und Gedanken in einem
merkwürdig aufeinander abgestimmten Rhythmus Haken schlagen, sich verflechten,
abbrechen und einen Quantensprung später doch zusammenfinden. Wie wir uns ins
Wort fallen, vom Hundertsten ins Tausendste kommen, das Eine hören, das Andere
sagen und das Dritte denken. Kreatives Chaos.
Apropos kreativ, mich quält neben den bereits gestellten
Fragen eine weitere. Was denkst du über all das hier? Ich habe die Vorahnung,
du wirst diesen Blogeintrag in erster Linie wie ein Stück kreativen Schreibens
lesen, mit Lektorenblick. Den Satzfluss begutachten, über Längen stolpern,
kopfschüttelnd den Pathos von den Zeilen klopfen. Aber bitte (und das ist
vielleicht sogar die zweitgrößte Bitte in diesen Pamphlet): Vergiss darüber
hinaus nicht, was ich dir zu sagen versuche. Und habe ein wenig Rücksicht – ich
weiß selber nicht, was ich da tue und warum.
Während ich das hier schreibe, tränen meine Augen, aber mal nicht
vom Zigarettenraum. Ich hoffe, deine Augen bleiben trocken. Sonst habe ich
meine Absicht verfehlt. Was nützen einem Möchtegern-Demagogen schon weinende Zuhörer?
Weißt du, was meine schlimmste Befürchtung ist? Dass dir beim
Lesen meiner Ausführugnen jener merkwürdige Brief eines Bekannten in den Sinn
kommt, über den wir uns damals so amüsiert haben. Den Bekannten, den wir aufgrund
eben dieses sinnlosen Briefs für verrückt erklärt haben. Vielleicht ist mein
Geschreibsel nicht minder geblähter Unfug als seiner. Aber ich bin doch nicht
verrückt, oder? Oder wenn, dann wenigstens nicht auf eine abstoßende Weise,
sondern auf eine, die in mein Motto passt: „Selig sind die mit einem Sprung in
der Schüssel, den er lässt Licht hindurch.“ Ja?
Das größte Kompliment von deiner Seite war für mich immer
gewesen: „Du bist ein seltsamer Mensch.“ Mag sein, dass es von dir nicht als Lob
gemeint war; Lob klingt anders. Dennoch habe ich mich sehr darüber gefreut.
Ja, was wollte ich dir eigentlich sagen? Faden verloren. Mist,
ich hoffte, es wäre auf dieser mir vertrauten Form einfacher, dir das
mitzuteilen. Wenn du meinen Stil bemängelst, hast du Recht. Ich rede soviel um
den heißen Brei, weil es für das, was ich dir sagen möchte, keine Worte gibt.
Die Absicht, mich verständlich zu machen, hab ich ohnehin längst verfehlt. Selbstdarstellung
kannst du mir auch nicht wirklich vorwerfen – jeder weniger ergebene Leser ist
spätestens am Ende des dritten Absatzes abgesprungen.
Ah, ich hab’s wieder! Zwei Sachen. Ich fasse mich kurz.
Ich hab dich lieb.
Bitte glaub an mich.
P.S. für die, die nicht du sind und aus unerfindlichen
Gründen der Google-Skylla entronnen sind, um weiterzulesen: Pech gehabt, dieser
Brief war nicht für euch. Es bringt auch nichts, mich zu fragen, für wen. Aber
als kleine Entlohnung dürft ihr ein wenig rätseln, was das hier soll. Eine
verschlüsselte Botschaft? Eine Verschwörung? Paranoides Gefasel einer armen Seele,
die aus der Umarmung der Zwangsjacke bis zur Tastatur geflüchtet ist? Ich bin
gespannt.
P.S.S. noch einmal zu dir: Was meinst du? Wenigstens ein
Gnadenpunkt für kreative Umsetzung? Ich bin auch ganz lieb und kürze meine
Schachtelsätze.
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