Jeder echte Alleshörer (und damit meine ich nicht die aufgeschlossenen Zeitgenossen, die - oh Wunder! - neben Hip-Hop auch R'n'B und Dubstep tolerieren) kennt das Problem: Nie kann man in Gesellschaft seine Musiksammlung unbeaufsichtigt laufen lassen.
Meist klaubt der Alleshörer schon im Vorfeld akribisch eine sozial verträgliche Playlist zusammen. Wagt er sich doch todesmutig an die Shuffle-Funktion, ist der Alleshörer dazu verurteilt, nach jedem Song zum wie auch immer gearteten DJ-Pult zu hechten, um zu überprüfen, ob auch der nächste Titel für seine Mithörer zumutbar ist.
Im schlimmsten Fall verpasst er seinen Einsatz um einige verstörende Takte und rechtfertigt sich dann stotternd: "Ja, das hab ich selbst schon ewig nicht mehr gehört, ich wusste gar nicht, dass ich da noch sowas drauf habe..." Und legt dann reumütig Hip-Hop, R'n'B oder Techno auf.
Auch mein MP3-Player diagnostiziert eine multiple musikalische Persönlichkeit. Zart besaitete Seelen werden ihn vermutlich aufgrund des Überschusses an Metal gleich beim ersten Zufallssong beiseite werfen wie eine Giftschlange, während ich für dunkle Zeitgenossen eine möglichst coole Erklärung liefern muss, warum sich Sodom mit Scissor Sisters einen Wechseldatenträger teilt.
Listen erstellen ist ja bekanntlich ein Wundermittel gegen Langeweile, wenn man sonst nicht weiß, was man schreiben soll. Und falls mein MP3-Player mal in unwissende Hände gerät, schützt folgende Auflistung den armen Hörer vor bösen Überraschungen. Da man einen saugeilen Metalsong rankingtechnisch schlecht mit einer herzzerreißenden Popballade vergleichen kann, verzichte ich auf eine Nummerierung. Hier findet ihr eine Sammlung von Songs, die mich immer begleiten - die totgehörten und die wiederentdeckten, die Songs, die ich mit einem Stich im Herzen überspringe und solche, die ich in Dauerschleife laufen lassen könnte; Lieder, mit denen ich mich identifiziere und Lieder, die davon erzählen, wie ich niemals werden möchte.
Schaut öfters mal rein, die Liste wird immer wieder aktualisiert...
Avantasia - Another Angel Down
"We rock the ball! Been smashed to the ground
Arose from devotion
To take a look and see what is inside
Sight of the crown - another angel down!
We rock the ball!
I'm facing my pain with rage and a symphony
Driven by the wounds I cannot hide
Rise above the crowd - another angel down!"
Wenn ich jemals so
bedeutungsvoll werde, dass ich einen Titelsong brauche, soll es dieser
sein - eine überdrehte Powermelodie, die zu Schandtaten mitreißt. Einer
meiner ersten und prägendsten Metalsongs, der mich in jeder Situation
dazu animiert, aufzustehen und weiterzumachen. Hauptaussage für mich:
Wenn sonst niemand an einen glaubt, muss man eben selbst an sich glauben
und anderen beweisen, dass man etwas auf dem Kasten hat. Und das
gelingt am besten mit so einem suchtgefährlichen Gitarrenlead im Ohr!
Centron - Die Sphären von Ost
"Der erste Schritt führt zu den Schwingen
An diese werde ich mich hängen
Ein weißer Flügel streichelt mich
Spüre wie die Kette ... bricht!"
Auch wenn es schwer ist - bei diesem Song auf den Text zu hören lohnt sich. Meiner Meinung nach der perfekteste Song dieser Band, weil er alles hat: befreiende Aggresivität, einen hypnotisierenden Rhythmus, einen fesselnden, abstrakten und dennoch zutreffenden Text und vor allem eines: eine geballte Energie, die bei jedem Hören hochpeitscht. Der Soundtrack zum Niederbrennen von Brücken.
System Syn - Here's To You
"Oh I would burn down every home that gave you shelter from the rain
I'd provide you with a poison if you'd care to fill your veins
Yeah I could settle not to see you again
But I would rather you were brought to an end"
Apropos Brücken niederbrennen ... dieser Song erzählt von Menschen, um die es nicht wirklich schade ist, wenn sie davon betroffen sind. Falsche Freunde. Manipulative Lügner, die sich mit der Märtyrermasche Vertrauen erschleichen und ihr Opfer dann als Täter hinstellen, wenn es nichts mehr zu holen gibt. Aber die tröstliche Botschaft lautet: Jeder bekommt schlussendlich das, was er verdient, und oftmals gehen ihre kleinen Intrigen nach hinten los. Anhören, aufregen - oder leise in sich hineingrinsen, weil man weiß, dass man diese Menschen los sind, während sie mit sich selbst ein ganzes Leben fristen müssen.
Jesus On Ecstasy - Assassinate Me
"I'm a product of your mind
And I'm a product of
What you've been thinking
And you should be ashamed
For what's going on in your head!"
Oben erwähnte Menschen haben die notorische Eigenschaft, die Wahrheit nicht zu vertragen. Und wann immer sie jemand begegnen, der ihnen einen Spiegel vorhält, versuchen sie, diesen zu zerbrechen und mit den Scherben den Mutigen zu erdolchen. Sollen sie doch. Das eigene Gewissen kann man nicht meucheln.
VNV Nation - Control
Zur Abwechslung ein Lied, das ich nicht so sehr wegen den Lyrics vergöttere - diese sind nicht allzu komplex, um über den Inhalt zu philosophieren - sondern, weil ich bei diesem Song jeden mitten im Satz stehen lassen würde, um die Tanzfläche zu stürmen und dazu zu tanzen. Und dazu tanzen ist anstrengend, man powert sich aus und bekommt allein durch den Rhythmus, die treibende Stimmung des Songs einen Höhenflug ohnegleichen. Und kommt dann verschwitzt und hechelnd von der Tanzfläche zurück: "So, was hast du jetzt nochmal gesagt?"
Wir sollten dringend mal die MP3-Player tauschen.
AntwortenLöschen