Dienstag, 21. Januar 2014

Umleitung

Achtung, dieser Blog wird stillgelegt!
Aber keine Angst, deswegen stirbt der verbale Durchfall nicht aus - er wird nur woanders aufgefangen, hoffentlich regelmäßiger und mit einem hübscheren Design.
Fortan könnt ihr mein Geschwurbel im Horror Vacui Blog nachlesen. Die Beiträge, die ursprünglich hier veröffentlich wurden, habe ich dort selbstverständlich eingepflegt.
Also: Weitergehen! Nicht stehen bleiben! Hier gibt es nichts (mehr) zu sehen!

Samstag, 18. Januar 2014

Das Stalingrad der Grammar Nazis


Facebook ist kein schöner Ort für Grammar Nazis. Ja, nicht einmal für harmlose Grammar-Nazi-Anwärter vom BDM (Bund detailverliebter Menschen), die aus chronischer Langeweile ihre ersten passiv-aggressiven Bekehrungsversuche wagen. Siehe das dröge Debakel unten.

Hätte ich genug Hände, um gebührend zu facepalmen, würde ich vermutlich als neue Gottheit in den hinduistischen Olymp aufsteigen (bitte nicht, da darf man keine Burger essen!) Deswegen hadere ich mit mir, welchem Debilitätsaspekt der erste Facepalm gelten soll.




    a) Jemand mit Langeweile hat seine Lebenszeit darauf verschwendet, ein unschuldiges Bildbearbeitungsprogramm mit einer weiteren Binsenweisheit zu quälen. Sein Mitteilungsbedürfnis war hierbei wohl so groß, dass er seinen Tiefsinn-Frankenstein auf die digitale Welt losgelassen hat, ohne sich mit Kommata aufzuhalten. Oder wirken Teenie-Poesiealbum-Erkenntnisse über Männer und Frauen inbrünstiger, wenn sie eilig hingeschmiert daherkommen?
    b) Jemand mit noch mehr Langeweile hielt es wirklich für nötig, auf meinen schwachbrüstigen Seitenhieb eine solch unmotivierte Konter abzufeuern. Aber hey, Lichtblick: Es muss sich um einen höflichen Gutmenschen handeln, schließlich hat er das böse Pfui-Wort mit Pünktchen zensiert. Hoo-fucking-ray.
    c) Jemand mit Langeweile UND Zwangsneurosen, die jeden Rechtschreib-Faschisten blass aussehen lassen, hat sich anscheinend durch mein Profil gestalkt, nur um mir ein ebenso schändliches Vergehen meinerseits unter die Nase zu reiben. (Wobei ich finde, dass man durchaus zwischen Flüchtigkeits-Vertippern und Fehlern, die auf mangelnde Kenntnis der Grammatik
    d) Jemand mit besonders viel Schlagfertigkeit zieht nicht nur die Diskussion, sondern auch den Inhalt des klugen Bildchens mit seinem Kalauer ad absurdum.
    e) Und schließlich Leute, die dieses Bildchen bedeutungsvoll genug finden, um auf "Off Topic" hinzuweisen, und damit einen ohnehin eher halbherzigen Shitstorm im Keim ersticken.
    f) Und all das in einwandfreier Rechtschreibung ... not.


Grammar Nazis mag niemand, sie sind die digitale Fortsetzung der Erste-Reihe-Streber, die nach der Schule vermöbelt wurden. Warum eigentlich? Weil Menschen es hassen, auf ihre Fehler hingewiesen zu werden? Weil ein Wissensvorteil, und sei es bei etwas so Banalem und Selbstverständlichem wie Rechtschreibung und Grammatik, ihnen Unbehagen bereitet?


Diesen "Mut zur (Bildungs-)Lücke"-Trend fand ich bereits im realen Leben besorgniserregend. Warum fühlen sich gerade Leute, die nicht fähig oder nicht willens sind, in welchem Bereich auch immer simple Kenntnisse anzuwenden, jenen gegenüber überlegen, die dies gewissenhaft tun?
Seit wann ist korrekte Rechtschreibung optional und die Nichtbeachtung derselbigen ein Statement der Individualität? Bei einer einwandfreien Bewerbung lächelt ein Personalchef ja auch nicht mitleidig, nach dem Motto "Der ist grammatikalisch so overdressed, solche Streber können wir nicht brauchen!"

Montag, 18. November 2013

Stilblüten mit und ohne Dornen

Wie viel Unsinn man mit Menschen so über die Zeit plappert, bemerkt man erst, wenn man sich angewöhnt hat, die Sprüche, die einem in Erinnerung geblieben sind, zu notieren. Das Ergebnis jahrelangen Bullshittings ist folgende kleine Compilation. Garantiert keine millionenfach auf Instagram durchgekauten Zitate von Berühmtheiten, sondern Aufgeschnapptes aus dem ganz normalen Wahnsinn. Und wer sich als Urheber des einen oder anderen Spruchs wiedererkennt, sollte sich, bevor er gegen mich klagt, eher geschmeichelt fühlen - hey, ich finde euch schlagfertig!

"Du hältst mich wohl für die letzte Schlampe, oder?"
"Nein, für die erste!"

"Im Dunkeln seht ihr alle viel besser aus."

"Warum interessieren sich immer nur Jüngere für mich?"
"Weil du ihnen Süßigkeiten und Babykaninchen versprichst?"

Beim Kellnern: "Drei Spezi für den Tisch da hinten. Und für mich die Gnadenkugel."

"Soll ich was kochen oder willst du?"
"Du stehst näher am Herd. Du kochst."

"Gehen, wir in die Kantine, da gibt's was zu essen."
"Hast du etwa Hunger?"
"Nee, Durst."

"Igitt, du lebst in Bayern und sagst BRÖTCHEN?!"
"Ich bin ganz hart, manchmal sage ich sogar FRIKADELLE!"

Freud'scher Versprecher: "Wie soll ich ihm jetzt in die Augen treten?"

"Häng ihn nicht zu hoch. Aber häng ihn."

"Männer haben immer ihr Feuer in mehreren Eisen. Äh, ihr Eisen in mehreren Feuern. Äh... vergiss es."

"Ich fühle mich gerade wie Napoleon bei Waterloo ... oder wer hat da noch mal gewonnen? Ach so, Napoleon hat verloren? Mein ich doch!"

"Boah, warum hast du ihm nur davon erzählt?"
"Er war doch selbst dabei!"

"Irgendwas habe ich heute scheiße gefunden, aber ich weiß nicht mehr, was es war."

"Ich bin krank, mir geht's gerade echt dreckig."
"Oh, kann ich dir etwas bringen?"
"Den Tod?"

"Ich will sie adoptieren!"
"Bloß nicht! Wenn du für sie das Sorgerecht bekommst, würdest du sie auf den Strich schicken!"

"Wir komischen Vögel sind doch dafür da, uns gegenseitig hochzuziehen."
"Aber hoffentlich nicht am Galgen."

"Und das machst du seit deiner Geburt oder noch länger...?"

"So behandelt man doch keine Frau!"
"Du bist keine Frau, du bist Metallerin!"

"Boah, der Sturm da draußen hat mich fast weggefegt!"
"Cool! Das nächste Mal binde ich dich an einen Faden und verwende dich als Drachen!"

"Wie werde ich Ask als Suchmaschine los?"
"Indem du deine Festplatte formatierst und dann verbrennst!"

"Spielen wir Flaschendrehen!"
"Okay, du da, leg dich in der Mitte auf den Boden!"


"Lass das Schleimen, sonst rutscht du noch aus."
"Kann mir nicht passieren, ich hab Gummistiefel an!"

"Ich nehm Bier mit!"
"Ich nehm Durst mit!"

"Ich habe noch alle Tassen im Schrank!"
"Ja, aber der Schrank ist umgefallen."

"Das ist Mobbing am Arbeitsplatz, was ihr da macht, wisst ihr das?"
"Nein, wieso? Mobbing wäre es erst, wenn sie dabei ist!"

"Gib mir ein Messer, ich will jemand töten!"
"Kommt nicht in Frage."
"Wieso nicht?"
"Du kannst doch selbst in die Küche gehen und dir eins holen!"

"Heute koch ich was Leckeres!"
"Okay, aber vergiss nicht, die Arsenmenge auf das Körpergewicht abzustimmen!"

"Kamillentee?! Ich trink' doch keine Blumen!"

"Sie mag Zaz, das macht sie schon mal sympathisch."
"Pah, bloß weil sie auf Französisch steht!"

Donnerstag, 7. November 2013

Astronauten-Tagebuch

Ich quäle mich. Wieder.
Mein Foltermeister ist cremig-flüssig, wohnt in einem grünen Shaker und hört auf einen japanisch anmutenden Namen: Yokebe.

Ja, ich höre schon das Aufschreien. Wer eine radikale Diät anfängt, muss nicht nur seinen inneren Dämonen trotzen, sondern auch dem wohlwollenden sozialen Umfeld. Von mitleidigen Blicken, Expertentipps wie "Iss doch einfach gesund!", "Warum quälst du dich so, du bist doch nicht fett!" oder "Das ist bestimmt gesundheitschädlich!" bis hin zu offenen Sabotageversuchen wie strategisch platzierten Leibspeisen - dagegen sind Heißhungerattacken das geringste Übel.

Über manche Kritiken im Netz zu Formula-Diäten wie Yokebe oder Almased kann ich nur den Kopf schütteln. Da gibts zu einem die Leute, die, ohne das Produkt getestet zu haben, prophylaktisch Wertungen vergeben: entweder gute, weil die Beschreibung so toll klingt, oder schlechte, weil es ja per se "kompletter Schwachsinn" ist.
Ganz besonders toll finde ich Abnehmwillige, die die Shakes verreißen, weil sie so schlecht schmecken. Hallo? Erwartet ihr wirklich, dass ein Produkt zur Gewichtsreduktion (sic!) genauso schmeckt wie ein 3-Gänge-Menü? Diese Ekelreaktionen kann ich persönlich nicht bestätigen. Normale Yokebe-Shakes - oder, wie ich sie liebevoll nenne, "Astronautennahrung" - schmecken wie etwas pulverige Milchshakes, nur nicht so süß. Und wenn man sich in der ersten Phase von nichts anderem ernähren darf, bekommt man sogar richtig Appetit darauf.
Ob die Kunden das normale Yokebe-Pulver mit "Stoffwechsel-Aktiv", dem Vitaminpulver zur Diätergänzung verwechseln? Letzteres schmeckt zugegeben wirklich greißlich. Zum Glück ist, wie das Wort "Ergänzung" schon sagt, dieser Zusatz optional für die ganz Ehrgeizigen.

Warum Yokebe? Um einige typische Vorurteile auszuräumen:
  • Die Diät ist so konzipiert, dass man in der ersten (und zugleich härtesten Phase) sehr schnell viel abnimmt (aktueller Stand bei mir: 2 kg in 2 Tagen!). Durch die langsame und schonende Umstellung auf normale, gesunde Ernährung bleibt der Jojo-Effekt aus, wenn man alles richtig macht. Warum nicht gleich einfach nur gesund ernähren? Die meisten Leute, die anfangen, auf etwas zu verzichten, müssen zur weiteren Motivation schnell Ergebnisse sehen. Um sich zu vergewissern, dass man sich nicht umsonst quält. Außerdem bin ich ein Alles-oder-nichts-Mensch. Eine klare Struktur mit festen Regeln ist für mich gerade anfangs leichter einzuhalten als das schwammige "gesund ernähren". Hier mal eine Semmel, da eine Nascherei - nix da, nur Flüssignahrung. Da kann man nichts falsch machen.
  • Klingt paradox, aber: Obwohl man eine Dose Diätpulver nicht gerade nachgeschmissen bekommt, spart man auf lange Sicht Geld am Essen - gerade wenn man als Büro-Held nicht selbst kocht, sondern den Bäcker oder das Restaurant um die Ecke frequentiert. Um Nahrungssuche muss man sich in der Startphase keine Gedanken machen. Man hat sein Pulver, die fettarme Milch zum Anrühren vernachlässige ich in der Kalkulation, und eine 500ml-Dose Yokebe reicht bei 3 Shakes am Tag für mindestens 4 Tage. Und wieviel würde man in dieser Zeit normalerweise beim Bäcker, McDoof & Co. für 3 Mahlzeiten am Tag ausgeben?  Unterm Strich kostet eine Woche Yokebe-Ernährung, je nach Essgewohnheiten, also entweder genauso viel wie eine "normale" oder sogar weniger. 
  • Zugegeben: Die ersten Tage Flüssignahrung sind, gerade psychologisch, kein Spaziergang. Aber dadurch, dass die Shakes den Körper mit allen wichtigen Nährstoffen versorgen und man nicht wirklich Hunger im Sinne von Bedarf verspürt, lernt man sehr schnell, wie sehr die Essgelüste doch Kopfsache sind. Die gute Nachricht: Diese Besessenheit vom Essen legt sich spätestens am dritten Tag, weil sich mental die Verbindung Hunger -> Nahrungsaufnahme allmählich entkoppelt. Man hat vielleicht Hunger, ist sogar von Essbarem umgeben, aber der Schritt, tatsächlich etwas "Normales" zu essen, wirkt irgendwann surreal, denn - "ich habe ja mein Yokebe". Astronauten haben es früher ja auch ohne feste Nahrung geschafft.
Heute ist der dritte Yokebe-Tag. Ich habe den Frühstücksshake und das Vitaminwässerchen schon intus und lebe immer noch - mir geht es sogar richtig gut.
Nach gefühlten Jahren endlich wieder eine glatte 0 nach der 5 auf der Waage zu sehen und die Aussicht, bald wieder unter 50 kg zu kommen (mein Wunschgewicht ist etwa 45 kg, was bei einer stolzen Körpergröße von 1,48 nicht magersüchtig, sondern gesund ist), verleihen mir Mut.
Am besten fange ich jetzt schon an, Reuegebete zum Fettweg-Gott emporzuschicken, damit er mir am Freitag das eine oder andere Feierabendbierchen verzeiht. Dies wird auch der Härtetest, ob ich nach einem Ausrutscher wie gehabt weitermachen kann.
Vorher-Nachher-Fotos wird es keine geben. Alleine, dass ich nach abgeschlossener Diät mich vor der Kamera wieder wohler fühlen werde, ist genug.
Ich halte euch auf dem Laufenden!

Montag, 4. November 2013

Der Mimimist: ein Gesamtkunstwerk

Mit Verbreitung der Social Media, die jedem Wehwehchen eine mächtige Stimme verleihen, hat sich eine revolutionäre neue Kunstform herauskristallisiert: der Mimimismus.
Vertreter dieser Strömung zeichnen sich - wie alle wahren Künstler - durch eine besondere Sicht auf das Weltgeschehen aus. Zielsicher rückt ihr leidgetrübter Blick die wahren Katastrophen der Welt in den Fokus: Regenwetter, abgebrochene Fingernägel, ausbleibende Likes bei Facebook.
Um den Mitmenschen die Augen für das Leiden zu öffnen, produziert der Mimimist im Sekundentakt bedeutungsschwangere Gefühlsupdates. Damit die ignorante Gemeinde ja nicht übersieht, wie verkannt, einsam und verloren der Mimist im Moment ist. Und in zwei Stunden sein wird. Und übermorgen auch.

Die Welt ist schlecht, vergänglich und trist - diese Philosophie kennen wir doch irgendwoher. Und zwar von ungewaschenen Perückenträgern, die ihrem Weltschmerz in prunkvollen Orgien (Partymotto: "Memento mori") davontanzten, im Jahre des Herrn Sechzehnhundert-ich-sterbe-gleich.
Aber im Unterschied zu ihren barocken Urahnen sagen die Mimimisten nicht "Die böse Welt geht morgen unter, also haue ich heute auf den Putz, und wenn sie morgen nicht untergeht, dann feiern wir da weiter" ... nein, das wäre ja Mainstream und eine Verleugnung ihrer tiefen Gemütsregungen.
Nein, der Mimimist überdauert die grauen Stunden vor der Apokalypse in seinem voll vernetzten dunklen Kämmerlein und harrt, leise schluchzend, der Dinge, die da kommen. Was bleibt ihm auch anderes übrig, wenn die herzlosen Menschen um ihn herum weder Zeit noch Gehör für ihn finden und nicht bereit sind, ihr schnödes Tun ruhen zu lassen, um dem Leidenden zur Hilfe zu eilen. 

Und wenn sich doch einer der Herzlosen dazu herablässt, dem Mimisten mit einer helfenden Hand oder einem Rat (die Palette reicht von "Geh doch mal raus" bis "Hör auf zu heulen, das will keiner hören"!) beizustehen, wendet sich dieser mit einem gequälten Lächeln ab. Dieses manifestiert sich in seiner bevorzugten elektronischen Ausdrucksform in bitteren Kommentaren wie "Ihr versteht nicht, was ich durchmache, ihr könnt ja gut reden, aber wenn ihr an meiner Stelle wärt, würdet ihr euch genauso fühlen! Ihr redet nur, aber helfen tut mir keiner!"
Der Mimimist legt nämlich eine Kritikresistenz an der Tag, von der seine verkannten Vorgänger nur träumen können. Jeder Versuch von Banausen, seine düsteren Gedanken als Gejammer abzutun, jegliche Blasphemie in Form eines nüchternen Lösungsvorschlags wird gekonnt als Vorlage für weitere Kunstwerke des Leidens verwendet. Im Fundus des Mimimisten findet sich vielfältiges Handwerkszeug, den Kritikern zu trotzen: Ignorieren, Ausweichen, nebulöse Vorwürfe oder betretenes Schweigen, wenn er verbittert einsieht, dass er die Massen nicht zum Mitgefühl bekehren kann.

Liebe Nicht-Mimimisten, lasst euch sagen: Ihr versteht gar nichts! Die Ausführungen des Mimimisten sind kein Gejammer, sondern eine Kunstform. Er will keine Ratschläge hören, sondern ... was eigentlich? Ein weiterer charakteristischer Zug dieser Zunft ist nämlich, dass man ihren Vertretern es nicht recht machen kann. Da telefoniert man stundenlang oder eilt durch die Nacht, dem Mimimisten in seinem Leid beizustehen, weil man seinem schluchzenden Lockruf folgte ... und stellt am nächsten Morgen beim Durchschauen der Facebook-Updates fest, dass man doch nur als Muse gedient hat für weitere Ergüsse darüber, wie sehr der Mimimist von allen in Stich gelassen und verachtet wird.

Ich bin dafür, ein Museum des Mimimismus zu erbauen. Und so fest, wie die Künstler überzeugt sind, dass sich keiner dafür interessieren wird - es wird aus allen Nähten platzen.

Montag, 28. Oktober 2013

One Hit Wonder

Jeder echte Alleshörer (und damit meine ich nicht die aufgeschlossenen Zeitgenossen, die - oh Wunder! - neben Hip-Hop auch R'n'B und Dubstep tolerieren) kennt das Problem: Nie kann man in Gesellschaft seine Musiksammlung unbeaufsichtigt laufen lassen.

Meist klaubt der Alleshörer schon im Vorfeld akribisch eine sozial verträgliche Playlist zusammen. Wagt er sich doch todesmutig an die Shuffle-Funktion, ist der Alleshörer dazu verurteilt, nach jedem Song zum wie auch immer gearteten DJ-Pult zu hechten, um zu überprüfen, ob auch der nächste Titel für seine Mithörer zumutbar ist.
Im schlimmsten Fall verpasst er seinen Einsatz um einige verstörende Takte und rechtfertigt sich dann stotternd: "Ja, das hab ich selbst schon ewig nicht mehr gehört, ich wusste gar nicht, dass ich da noch sowas drauf habe..." Und legt dann reumütig Hip-Hop, R'n'B oder Techno auf.

Auch mein MP3-Player diagnostiziert eine multiple musikalische Persönlichkeit. Zart besaitete Seelen werden ihn vermutlich aufgrund des Überschusses an Metal gleich beim ersten Zufallssong beiseite werfen wie eine Giftschlange, während ich für dunkle Zeitgenossen eine möglichst coole Erklärung liefern muss, warum sich Sodom mit Scissor Sisters einen Wechseldatenträger teilt.

Listen erstellen ist ja bekanntlich ein Wundermittel gegen Langeweile, wenn man sonst nicht weiß, was man schreiben soll. Und falls mein MP3-Player mal in unwissende Hände gerät, schützt folgende Auflistung den armen Hörer vor bösen Überraschungen. Da man einen saugeilen Metalsong rankingtechnisch schlecht mit einer herzzerreißenden Popballade vergleichen kann, verzichte ich auf eine Nummerierung. Hier findet ihr eine Sammlung von Songs, die mich immer begleiten - die totgehörten und die wiederentdeckten, die Songs, die ich mit einem Stich im Herzen überspringe und solche, die ich in Dauerschleife laufen lassen könnte; Lieder, mit denen ich mich identifiziere und Lieder, die davon erzählen, wie ich niemals werden möchte.

Schaut öfters mal rein, die Liste wird immer wieder aktualisiert...

Avantasia - Another Angel Down
 "We rock the ball! Been smashed to the ground
Arose from devotion

To take a look and see what is inside
Sight of the crown - another angel down!
We rock the ball! 

I'm facing my pain with rage and a symphony
Driven by the wounds I cannot hide
Rise above the crowd - another angel down!"

Wenn ich jemals so bedeutungsvoll werde, dass ich einen Titelsong brauche, soll es dieser sein - eine überdrehte Powermelodie, die zu Schandtaten mitreißt. Einer meiner ersten und prägendsten Metalsongs, der mich in jeder Situation dazu animiert, aufzustehen und weiterzumachen. Hauptaussage für mich: Wenn sonst niemand an einen glaubt, muss man eben selbst an sich glauben und anderen beweisen, dass man etwas auf dem Kasten hat. Und das gelingt am besten mit so einem suchtgefährlichen Gitarrenlead im Ohr!

Centron - Die Sphären von Ost
"Der erste Schritt führt zu den Schwingen
An diese werde ich mich hängen
Ein weißer Flügel streichelt mich
Spüre wie die Kette ... bricht!"
Auch wenn es schwer ist - bei diesem Song auf den Text zu hören lohnt sich. Meiner Meinung nach der perfekteste Song dieser Band, weil er alles hat: befreiende Aggresivität, einen hypnotisierenden Rhythmus, einen fesselnden, abstrakten und dennoch zutreffenden Text und vor allem eines: eine geballte Energie, die bei jedem Hören hochpeitscht. Der Soundtrack zum Niederbrennen von Brücken.

System Syn - Here's To You
"Oh I would burn down every home that gave you shelter from the rain
I'd provide you with a poison if you'd care to fill your veins
Yeah I could settle not to see you again
But I would rather you were brought to an end"

Apropos Brücken niederbrennen ... dieser Song erzählt von Menschen, um die es nicht wirklich schade ist, wenn sie davon betroffen sind. Falsche Freunde. Manipulative Lügner, die sich mit der Märtyrermasche Vertrauen erschleichen und ihr Opfer dann als Täter hinstellen, wenn es nichts mehr zu holen gibt. Aber die tröstliche Botschaft lautet: Jeder bekommt schlussendlich das, was er verdient, und oftmals gehen ihre kleinen Intrigen nach hinten los. Anhören, aufregen - oder leise in sich hineingrinsen, weil man weiß, dass man diese Menschen los sind, während sie mit sich selbst ein ganzes Leben fristen müssen. 

Jesus On Ecstasy - Assassinate Me
"I'm a product of your mind
And I'm a product of
What you've been thinking
And you should be ashamed 

For what's going on in your head!"
Oben erwähnte Menschen haben die notorische Eigenschaft, die Wahrheit nicht zu vertragen. Und wann immer sie jemand begegnen, der ihnen einen Spiegel vorhält, versuchen sie, diesen zu zerbrechen und mit den Scherben den Mutigen zu erdolchen. Sollen sie doch. Das eigene Gewissen kann man nicht meucheln.

VNV Nation - Control
Zur Abwechslung ein Lied, das ich nicht so sehr wegen den Lyrics vergöttere - diese sind nicht allzu komplex, um über den Inhalt zu philosophieren - sondern, weil ich bei diesem Song jeden mitten im Satz stehen lassen würde, um die Tanzfläche zu stürmen und dazu zu tanzen. Und dazu tanzen ist anstrengend, man powert sich aus und bekommt allein durch den Rhythmus, die treibende Stimmung des Songs einen Höhenflug ohnegleichen. Und kommt dann verschwitzt und hechelnd von der Tanzfläche zurück: "So, was hast du jetzt nochmal gesagt?"




Freitag, 4. Oktober 2013

Akte Arschloch

"Männer und Fraun sind das nackte Graun,
wenn sie sich stundenlang tief in die Augen schaun,
und die Frauen andren Fraun ihre Männer klaun,
und die Männer sowieso nur Scheiße baun."


Ein Körnchen Wahrheit muss in diesem Ärzte-Lied stecken – warum sonst singen wir immer wieder mit, obwohl es schon mindestens ein halbes Jahr regelmäßig aus dem Autoradio dudelt?
Um der Emanzen-Keule auszuweichen: Nicht alle Männer bauen Scheiße, wohlgemerkt. Nur die spezielle Unterart "Arschloch", deren Population sich dank der evolutionären Vorteile jedoch von Jahr zu Jahr (oder in der subjektiven Sichtweise "lebenserfahrener" Frauen: von Beziehung zu Beziehung) exponentiell steigert.
Aber woraus bestehen diese evolutionären Vorteile, die dazu führen, dass sich die Arschlöcher stets aus Jagdgründen voller williger Frauen bedienen, während ihre weniger anpassungsfähigen Zeitgenossen (auch "nette Kerle" genannt) sich seit Jahren mit einem halbherzigen "Hallo, wie geht's" der heimlich Angebeteten sowie beinahe ebenso unnerreichbaren Pixel-Busenwundern über Wasser halten?
Meine Feldstudien haben einige Lösungsansätze ans Tageslicht gebracht, die so bahnbrechend sind, dass sie bereits von sämtlichen Frauenzeitschriften (dazu zähle ich auch "Men's Health") durchgekaut wurden.
Und dennoch lernen wir nichts dazu – so leicht lassen sich die perfiden Mechanismen der weiblichen Psyche nicht umprogrammieren. Die da wären:


  1. Frauen sind das wahre starke Geschlecht.
    Man kann es Mutterinstinkt nennen oder das Engel-Phänomen (einen Autopsiebericht desselbigen lest ihr hier), Tatsache ist: der weibliche Beschützertrieb gleicht einem Filter, der nur die kaputten, verletzten oder in irgendeiner Form "unfertigen" potentiellen Geschlechtspartner ins Sichtfeld oder gar ins Herz der beziehungswilligen Frauen diffundieren lässt.
    Anders als Raubtiere, die dank desselben Radarsystems Beutetiere ausfindig machen, tun Frauen dies mit einem hehren Ziel: den Angebeteten aufpäppeln, beschützen, retten und ihm wieder einen Glanz in die gequälten Augen zaubern (letzteres gelingt am besten postkoital). Sei es durch nächtliche Seelenschmerz-Telefonate, Geldspritzen oder etwaige Liebesdienste: Der arme Auserwählte wird augenblicklich in einen Kokon aus Verständnis, Zuneigung und Selbstaufopferung gehüllt, denn...

  2. Arschlöcher sind vom Leben gezeichnet und müssen gerettet werden!
    Weder diesen starken Frauen noch ihren Arschloch-Auserwählten scheint die Binsenweisheit "Karma is a bitch" ein Begriff zu sein. Nein, eine gescheiterte Existenz ist das Arschloch natürlich nicht aus Eigenverschulden, sondern, weil ihm das Leben chronisch übel mirgespielt hat.
    Wenn der Angebetete mit Ende zwanzig noch bei Mutti logiert, liegt es daran, dass sie ihn schlimmer tyrannisiert als Kim-Jong das gangnamstyle-freie Nordkorea. Wenn er keinerlei Karriere vorzuweisen hat außer unqualifizierten Gelegenheitsjobs, dafür aber eine Latte an gescheiterten Beziehungen, gegen welche die Chinesische Mauer aussieht wie Nachbars Gartenzaun, ist dies nur ein trauriger Beweis für die Ungerechtigkeit der Menschen.
    Seine Exfreundinnen? Allesamt eifersüchtige Psychopathinnen und promiskuitive Lügnerinnen, die die Gutherzigkeit des Armen ausgenutzt und ihn dann verlassen haben, als es nichts mehr zu holen gab. In seltenen Fällen hatte der gepeinigte Traummann schweren Herzens selbst einen Schlusstrich gezogen, weil er diesen Hexensabbat auf seinem Nervenkostüm nicht mehr ertragen konnte.
    Analog wussten die ehemaligen Chefs – falls vorhanden – das Engagement des unqualifizierten Hotel-Mama-Bewohners einfach nicht zu schätzen. Und falls dem Arschloch wenigstens die traumatisierende Begegnung mit der Berufswelt erspart geblieben war, dann natürlich nicht wegen mangelnder Bildung oder Arbeitsmoral, sondern weil ihn entweder die lädierte Psyche (siehe oben) oder ein seltenes körperliches Gebrechen davon abhielten. So bekommt das Arschloch beispielsweise alleine beim Gedanken an Arbeit Depressionen oder unerklärliche Migräneanfälle, alsbald krümmt sich sein ohnehin gramgebeugter Rücken vor Schmerzen, die jede körperliche Tätigkeit unmöglich machen.
    Was bleibt da der neuen Flamme übrig, als sich in eine glänzende Paladinsrüstung zu werfen (mit vorteilhaftem Dekoltee, natürlich), sich auf ein weißes Ross zu schwingen, dem geschwächten Gefährten aufsitzen zu helfen und mit ihm in eine bessere Zukunft zu galoppieren? Hand auf's Herz -
  1. Jede Frau will die Eine sein.
    Und das geht natürlich nur, wenn sich die Herzensdame immer und überall als Ausnahme von der Regel stilisiert und ihrem Geliebten zeigt, dass es noch Menschen gibt, die es gut mit ihm meinen. Indem sie dem Arschloch dann aufhilft, wenn die boshaften Mitmenschen ihn fallen lassen würden. Sich wund arbeitet, wo andere Hilfe verweigern würden. Und erduldet, erduldet, erduldet.
    Seitensprünge werden verziehen, Ausraster und schizophrene Schübe Wunden leckend weggelächelt, blanke Ignoranz toleriert – das sind doch alles nur Symptome einer gequälten Seele und Versuche, die Liebste auf Distanz zu halten. Verständlich, ist das Arschloch doch gewöhnt, von nahe stehenden Menschen verletzt zu werden.
    Aber auf diese Abwehrmechanismen fallen wir nicht rein, nein, wir besiegen das System und halten tapfer alle Krisen durch, bis Mr. Right endlich geheilt ist und die emotionalen Investitionen Rendite bringen. Schließlich will sich keine Frau in die Riege der diabolischen Exfreundinnen einreihen, die diesen Jackpot vom Mann mangels Anstand und Geduld fallen ließen. Wenn nicht wir den Prinzen retten, wer dann? Dann ist sein Weltbild für immer zerstört und der Ärmste ist verloren. Also nix mit "the one that got away" – "the one that settled" ist das Credo starker Frauen!

  2. Arschlöcher sind nur Traummänner, die sich nie ausleben durften.
    Natürlich ist keine Frau so naiv, rein aus Mitleid mit einem hoffnungslosen Fall zusammenzukommen oder, Gott bewahre, zusammenzubleiben. Wir stehen den Kampf um die Seele des Liebsten durch und trotzen den Drachen seiner Psyche, weil wir uns das flammende Banner seiner Tugenden vor Augen halten.
    Wer, wenn nicht er, würde uns solch romantische Gedichte schreiben, denen schiefe Reime und metrische Stolpersteine erst die Würze und Authenzität verleihen? Wer sonst würde mit seiner Spontaneität und seinem tiefen Wissen um unsere Wünsche sogar einem Geschenk aus dem Ein-Euro-Laden mit emotionaler Bedeutung aufwerten?
    Obendrein trägt unser Plan, die Eine zu sein, erste Früchte – mit seinen gewissenlosen Verflossenen hat der Liebste garantiert nicht so intensiv übers Heiraten und Kinderkriegen gesprochen wie mit uns. Genauso wenig, wie er vor diesen Harpyen sein Herz so ausschütten konnte. Seine empfindsame Seele spürt nun mal, wer es wirklich ernst mit ihm meint, und genauso ernst meint er es mit uns. Wir müssen uns nur in Geduld üben; solch große Zukunftspläne brauchen Zeit, sich zu entfalten. Immerhin spart Mr. Right schon auf einen Verlobungsring, den er uns mit einer groß angelegten romantischen Geste überreichen wird. Irgendwann.
    Bis dahin wärmen wir uns an immateriellen Werten, an Sätzen, die seine Liebe und seine Einzigartigkeit besiegeln: "Ich bin immer ehrlich zu dir", "Du bist etwas ganz Besonderes", "Ich bleibe dir immer treu", und ... das ultimative Sesam-Öffne-Dich für Herzen (und Bhs): "Ich war noch mit keiner Frau so glücklich wie mit dir".


Eine solche Liebe ist prädestiniert dafür, ewig zu halten. Umso härter fällt die edle Retterin aus allen Wolken, wenn der vermeintlich unbewaffnete Schützling aus den Untiefen des Rosenrkriegs-Arsenals den Hammer hervorholt: "Wir haben uns auseinandergelebt."
Wobei, auch hier beweist der Liebste nichts als grenzenlose Feinfühligkeit. Die Dame, deren Rettungsversuche für sein Nervenkostüm nicht mehr tragbar waren, verschont er mit den wahren Gründen der Trennung. Diese spart er sich für Freunde (ja, genau die, die ihn immer hängen lassen), vielversprechende weibliche Bekanntschaften und Mutti auf. Ihnen offenbart er kummervoll die harte Realität: Unter der schilldernden Paladinsrüstung seiner Liebsten hat sich mit der Zeit ein eifersüchtiges, klammerndes, unreifes Herz offenbart – genauso schwarz und verdorben wie die Pumporgane ihrer Vorgängerinnen. Sie war doch nicht die Eine. Aber wer so oft verletzt wurde, verträgt gerade noch so auch diese Enttäuschung. Klappe, die nächste!