Wenn man den Charakter eines Menschen sonst nicht
zu fassen vermag, charakterisiert man ihn gerne mithilfe von Krücken, etwa
einen für die Person typischen Gegenstand.
Kaum eine Sache fasst die Situation und die Einstellung meiner besten
Freundin zusammen als ein Büchlein, das ich zufällig unter ihren Bergen
von Naschkram, Beauty-Zubehör und DVDs entdeckt habe: „111 Gründe, Single zu sein – Eine Liebeserklärung an die Unabhängigkeit“.
Mangels einer Lektüre für die stolzen fünfeinhalb S-Bahn-Minuten von ihr
zu mir und weil mich die Menschen auf dem Cover so vertrauenserweckend
angrinsten, habe ich mir dieses Oevre von Angela Meier-Jakobsen sogleich
gekrallt (gelobt sei der für enge Freundschaften übliche Kommunismus!) …
und was als seichte Lektüre für unterwegs begann, endete als Anstoß für
tief gehende philosophische Überlegungen über das Wesen des Menschen.
Gibt es glückliche Singles? Diese ewige Frage kann leider nicht
erschöpfend mit meiner besten Freundin erörtern – ihre überaus
gefestigte und zum Teil vom Buch geprägte Meinung macht sie immun gegen
meine Lanzenbruch-Versuche. Bevor ich mich in psychologische Gefilde
verirre, im emotionalen Morast versinke und meine Lieblingsklamotten im
Freud’schen Dornengarten ruiniere – das Buch an sich.
Wie uns das Sandwichmodell aus schulischen Projektprojekten gelehrt hat:
zuerst das Positive. Nun, seine Funktion als leichte Ratgeberkost für
unterwegs erfüllt das Büchlein hinreichend. Es ist leicht zu lesen in
einem angedeutet bissigen, wenngleich für meinen Geschmack zahnlos
bleibenden Stil, flott und auf den ersten Blick Seite für Seite
abnickenswert.
Ein zweites Mal jedoch konnte ich „111 Gründe, ein Single zu sein“ nicht
lesen, ohne unter der Last nagender Gegenargumente den Kopf zu
schütteln. Die meisten Gründe sind entweder vage, widersprüchlich („Weil
Singles sich nicht die Beine enthaaren müssen, es aber trotzdem tun“ –
nur ein ebenso kurioses wie selbsterklärendes Beispiel) oder aber sie
lassen sich durch geringfügige Änderungen ebenso für die „Gegenseite“
verwenden. Diese Wahrnehmung liegt zu einem Teil an meinem krankhaften
Beziehungsenthusiasmus, zum anderen aber auch an der Argumentation der
Autorin.
Diese nährt sich von einem in meinen Augen unverständlichen, verzerrten
Menschen- und Beziehungsbild. Die meisten Kritikpunkte, vom durch den
Partner leergefutterten Kühlschrank über Freizeitaktivitäten bis hin zu
Fernbedienungskriegen fußen auf der grundlegenden Unterstellung eines
Mangels in Beziehungen: des Mangels an Kommunikation. Wäre der Homo
vergebenus wirklich, wie laut Meier-Jacobsen, ein durch Kinderspielzeug
und Weihnachtslametta gefesseltes Hybridwesen mit einem fest
zugetackerten Mund … ja, dann wäre ein Single-Leben vielleicht sogar
erstrebenswert.
In der (Beziehungs-)Realität ließen sich jedoch die meisten von der
Autorin skizzierten Katastrophen durch schieres Teufelswerk lösen:
Reden. Und durch Kompromisse, die nicht einmal dem stolzesten und
unabhängigsten Single-Ego einen Zacken aus der Krone brechen würden.
Durch Absprachen lässt sich, man glaubt es kaum, sogar vermeiden, dass
der geliebte Partner über spätes Heimkommen nölt.
„Schatz, diesen Joghurt habe ich für meine Diät gekauft, bitte lass die
Finger davon“, „Lass uns einen faulen Abend machen, dafür gehe ich mit
dir nächstes Wochenende in die Berge wandern“ … sind derartige Sätze für
manche Menschen wirklich so aussprechbar, dass sie lieber allein
bleiben, als sich daran die Zähne auszubeißen?
Vielleicht hänge ich naiv dem „Man kann in einer Beziehung über alles
reden“-Glauben an, weil ich selbst mit einem zum Erbrechen
verständnisvollen und diplomatischen Partner gestraft bin. Aber selbst
in größter Verbitterung wäre für mich „Als Single futtert mir niemand
mein Lieblingsessen weg“ kein stichhaltiges Argument.
Ein ganz und gar bodenständiger Komplex von Gründen, darunter: „Weil
Singles allen Geräuschen freien Lauf lassen können“, fällt unter die
Rubrik „Als Single kann man sein zum Teil ekliges Selbst in all seiner
Schlabbrigkeit ausleben“ (gleichzeitig existiert aber auch das Kapitel
„Weil Singles sich nicht gehen lassen“).
Kann man das gerade in einer langfristigen Beziehung denn nicht erst
recht? Sich mit dem Partner in Jogginghosen auf der Couch zu fläzen hat
nicht unbedingt etwas mit Abnutzungserscheinungen der Beziehung zu tun,
ebensowenig muss man Alarm schlagen, wenn die Beziehung eines Tages den
Punkt erreicht: „Hast du gerade gepupst?“ – „Ja, und wie!“ Eine Frage
der Vertrautheit, die Verfechter der Single-Philosophie nur zu gern als
Langeweile interpretieren.
Dabei kann, darf und sollte man sich in einer Beziehung genauso
aufbrezeln, feiern gehen und alles, was das Herz begehrt. Ja, gut duften
und die Beine rasieren, nicht nur für ein neues Date, Frau, verzeihung,
Fräulein Jakobsen.
Des weiteren leidet die Überzeugungskraft des Buchs unter den spürbaren
Bemühungen, die magische 111 vollzukriegen, durch zum Teil wenig
einleuchtende Alltagsthesen. „Weil Singles bei Ikea nicht streiten“ –
wie tröstlich ist für Frischgetrennte wohl die Aussicht, sich endlich
ohne Gegenwind das Vintage-Sofa mit Blümchenmuster in ihr
Single-Wohnzimmer stellen zu können?
Manche Kapitel präsentieren völlig neutrale Dinge wie Haustiere,
Patenschaften und Taxifahrten als speziellen Single-Verdienst. „Weil
Singles aus der Kirche austreten“ – wie, dürfen Vergebene das nicht? Und
bei der 3. Abwandlung des Grundarguments „Singles können ausschlafen
und brauchen keine Rücksicht auf die Schlafgewohnheiten eines Partners
zu nehmen“ unterstelle ich der Autorin endgültig, dass ihr langsam die
Gründe ausgehen.
Fazit? Achtung, jetzt kommt nebst Suggestivfragen eine weitere Floskel,
für die mich die Schreibgötter mit einem strafenden Blitz rösten
sollten: Man kann es so und so sehen.
Ob man den Argumenten zustimmt oder nicht, alles eine Frage des
Abwägens: Genießt man beim Heimkommen Totenstille oder einen
Begrüßungskuss? Möchte man von einem Hund dabei freudig angebellt oder
von einem Partner nach dem eigenem Tag gefragt werden? Was ist
wertvoller: Von potentiellen Flirtpartnern immer wieder neue Geschichten
hören oder sich mit dem Partner an gemeinsame Momente erinnern? Singles
genießen immer wieder Flirts, küssen und begatten immer wieder neue
Leute, argumentiert Meier-Jakobsen. Sie gehen auf die Piste, erleben
viel – aber erleben sie auch die Wärme, nach einem langen Tag in den
Armen des festen Partners einzuschlafen? Ist das Wissen um die Vorlieben
des Partners ein sofortiges Todesurteil für ein Sexleben, welches sich
nur durch eine Reihe wilder Single-Affären wiederbeleben lässt?
Ist eine Beziehung Opfer der eigenen Freiheit, wann immer man will in
eine leere, aufgeräumte, stylische Wohnung zurückzukommen und nur für
sich Single-Portionen zu kochen – oder die Bereicherung an einem
Gegenüber, das einen auch verkatert und morgenmufflig akzeptiert? Das
entscheide jeder für sich.
Allein durch den Titel des Buchs hätte ich wohl auch darin gestöbert, aber so wie sich der Inhalt anhört, wäre ich nichteinmal bis zur Hälfte gekommen. Ich erkenne schon vermeintliche Vorteile, ein Single zu sein und doch würde ich eine Beziehung jederzeit vorziehen. Eigene Aussagen, wie "ich bin glücklich ein Single zu sein" sind entweder gelogen oder lange genug eingeredet - das sagt jemand, der sich selbst schon dies und jenes eingeredet hat.
AntwortenLöschenDies sind Gedanken und Meinungen eines Menschen, dem dieser Blog-Eintrag gefallen hat.
Danke für diesen Denkanstoß am Abend, und danke für den mich zum schmunzelnbringenden Text. Das Abo hat sich echt gelohnt.
AntwortenLöschenIch persönlich denke, das jeder Single seine Gründe hat, Single zu sein. Wenns ihm gefällt, bitte. Wenn nicht, kann er ja versuchen, es zu ändern. Das soll jeder selbst entscheiden.
Mit besten Grüßen
Keren